Gastbeitrag zum Manifest: Wertorientiert leben und arbeiten



Ich gehöre zu den Digital Babyboomers, der Generation von Bill Gates und Steve Jobs, bin Pioneer auf dem Feld des eLearnings und Experte in Change Management und Human Performance; somit ein versierter und gut vernetzter Knowledge Worker. Da ist es nur selbstverständlich, dass ich schon seit über 20 Jahren, seit der Entwicklung des PC´s und Internets nicht nur begeistert auf der Welle surfe, sondern dieses flexible und mobile Arbeiten mitgestalte. Übrigens hatte man mich in den alten, festen Unternehmenshierarchien immer gewarnt, dass dies keine zukunftsträchtigen Geschäftsfelder seien, in denen ich Karriere machen könne. Immerhin hatte ja auch IBM gedacht, dass der PC nur ein kurzfristiger Trend sei. Ich sollte mich spezialisieren, auf einen Fachbereich, auf etwas Handfestes – z. B. Personalwesen, damit könne man es sogar als Frau bis zum Vorstand bringen, zumal ich nicht einmal Wirtschafts-, sondern Geisteswissenschaftler bin. Ich habe mich nicht einschüchtern lassen und bin recht zielstrebig meinen eigenen Werten gefolgt: Neue Horizonte entdecken, Grenzen überschreiten, ein Geht-nicht gab und gibt es nicht, flexibel sein, den Wandel mitgestalten, den Wandel in mir gestalten und schließlich völlig selbstbestimmt statt fremdbestimmt zu arbeiten.

Nach meinem zweiten Staatsexamen erwartete jeder, dass ich mich vom Kultusministerium „einsetzen“ lasse. Ich entschied mich dagegen für ein großes Industrie-Unternehmen und startete meine IT-Karriere als Entwickler für Computer Based Learning. Alle zwei Jahre aber zog es mich zu neuen Ufern, d.h. neue Fachgebiete lernen, mich selbst wieder neu ausprobieren und erweitern. Stagnation war und ist für mich eine Pest. Lernen ist eine Leidenschaft. Ein typischer High Performer, daher erhielt ich auch die Möglichkeit, mit Laptop und damals „Riesen“-Firmen-Handy meine internationale Karriere zu starten. Ich gehörte zu den High Potentials, konnte gar meinen Executive MBA in Harvard abschließen. Aber so richtig ran ließ man mich als Frau noch nicht: Beratung, Strategie sehr gern, richtiges Unternehmensmanagement leider nein. Ein Wechsel war überfällig, als geschäftsführender Partner zu einer der größten weltweiten Unternehmensberatungen. Und was für meine früheren Vorgesetzten und Mentoren undenkbar erschien, war nun Mittelpunkt meiner Expertise für Klienten: Change Management, Human Performance, eLearning und Knowledge Management. Zielsicher haben mich meine Leidenschaften auch ohne stringenten Business Plan zum Erfolg geführt. Also niemals verunsichern lassen.

Viele der 33 Regeln erfolgreicher digitaler Pioneere lebe ich nun schon 20 Jahre:
War ich beim Industrie-Unternehmen als Intrapreneur mit meinem erfrischenden „Geist des Alles-ist-machbar“ häufig an Grenzen gestoßen, sind wir in der Beratung alle Entrepreneure: Nah am Kunden, state-of-the-art, höchst interessante Projekte, teamorientiert und mit hoher Selbst-Motivation. Expertise, Leidenschaft und Reputation zählen, nicht der Status. Knowledge Management, Knowledge-Sharing war und ist selbstverständlich. Jeder Berater weiß, dass er komplexe Kundenaufträge nur im Team lösen kann, auf dem Know-how aller aufbauen muss. Keiner hält daher Wissen zurück oder hortet es. Inbound wie Outbound der eigenen Firma, denn wir arbeiten ja vernetzt mit den Kunden wie mit Partnerunternehmen eng zusammen. Der grenzenlose internationale Arbeitsplatz ist seit 1998 völlig normal für mich. Mein Office ist mein Lap, mein Smartphone und all die nützlichen Apps, Tools und Werkzeuge, die man seit langem für Analysen, Berechnungen, Prozesse, Präsentationen wie Teamarbeit benötigt. Selbst als Partner hatte ich kein eigenes Office, kein Statussymbol mit Sekretärinnenvorraum und großem Büro. Nein – vielmehr habe ich mich weltweit entweder beim Kunden oder in eines der eigenen Firmen-Büros eingecheckt, wie in ein Hotel. Dort hatten wir schon lange Co-Working – Austausch und Inspiration durch andere Fachgebiete, Branchen und Kollegen aus unterschiedlichsten Ländern in den Open Spaces.

Vor etwas über zehn Jahren habe ich mich entschlossen, mich selbstständig zu machen und völlig selbstbestimmt zu arbeiten. Nicht ganz freiwillig, - ich habe nämlich als High Performer meine eigenen Grenzen zu lange überzogen. Nach 15 Jahren begeisterter Workaholic-Zeit hat mein Körper einfach mal auf die Bremse getreten. Es war nicht die alte Arbeitsauffassung der Babyboomer daran schuld, für die Pflichterfüllung und Aufopferung für den Beruf noch an erster Stelle standen, vielmehr verführte mich die Lust an interessanten und herausfordernden Projekten zu einem Verzicht auf Privat-Leben. Fast hätte ich meine Gesundheit wie meine Ehe riskiert. Ich habe noch rechtzeitig das Lenkrad in die richtige Richtung gedreht.

Flexibles und mobiles Arbeitsleben bedeutet für mich als Freelancer, dass ich mir bewusst Zeit für mich nehmen kann. Ich bin dadurch wieder gesund und voller Lebensfreude. Mit dieser Neuen Art des Arbeitens, der nachhaltigen Leistungskultur, wie ich es nenne, habe ich über 20 Lebensjahre zurückgewonnen. Heute nehme ich mir bewusst Zeit für die Menschen, die mir wichtig sind: Persönlich und vor Ort. Denn Liebe und Leben brauchen eben Zeit, - und nicht nur optimales Zeitmanagement. Ich arbeite voller Leidenschaft nah an meinen Kunden, pflege langjährige, vertrauensvolle Klienten Beziehungen. Ich empfinde dies als ein großes Privileg, welches mir ein sehr inspirierendes professionelles Leben mit hoch interessanten Persönlichkeiten und Teams ermöglicht. Das Internet verschafft mir die großartige Möglichkeit, immer mit meinen weltweit verstreuten Freunden, Kollegen wie Kunden vernetzt zu sein.

Was will ich mehr? Work-Life-Integration ist Praxis.  Seit zehn Jahren bin ich selbstständige Executive Coach, Unternehmensberaterin, Autorin und Business Speaker und kann somit auch mal NEIN sagen. Lebe im Winter auf einer sonnigen Insel und bin ansonsten in Deutschland, Europa und den USA unterwegs, nicht allein zum Arbeiten bei meinen Klienten, sondern eben auch zum Leben-Genießen. Denn Reisen ist meine größte Leidenschaft. Besser gesagt, Arbeit und Leben sind keine Widersprüche mehr. Ich arbeite lokal flexibel, aber durchgängig produktiv und effizient. Mit den Microsoft Tools bin ich überall erreichbar und einsatzbereit. Telekonferenzen, persönliche Gespräche vor Ort wie über Skype bei Coaching-Klienten und Sharing-tools machen es möglich, dass weltweit verteilte Teams gemeinsam an Präsentationen arbeiten und abstimmen können. Wie einer meiner Klienten betonte: „ Es ist mir egal, wo Sie gerade sitzen, ich weiß immer, dass das Ergebnis stimmt und zur rechten Zeit kommt“. Ich kann selbstbestimmt und damit wertorientiert leben und arbeiten. Ich bin authentisch, gelassen und souverän. Ich habe Zeit für meine Familie und Freunde und kann dennoch einen Wertbeitrag für meine Klienten liefern. Gerade in den letzten Jahren konnte ich davon profitieren: Meine Klienten beschenken mich mit Empfehlungen aus ihrem individuellen sozialen Netzwerk. Sie passen zu mir und ich zu Ihnen. Wundervolle Kunden, die diese flexible Arbeitsweise unterstützten als meine Familie mich in etlichen schweren Krankheitsfällen vor Ort brauchte. Das Internet, die vernetzten Kollaborations-Möglichkeiten machten es mir auch im Krankenhaus möglich, meine menschlichen Werte zu leben.

Statussymbole, Führungsposition – brauche ich alles nicht, ebenso kein festgezurrtes Leben 9-to-20 or more. Ich bin dagegen immer noch hungrig, exzellente Ergebnisse abzuliefern, über mich hinauszuwachsen, Neues zu lernen, für andere da zu sein, mit anderen zu lachen und Leben wie Erfahrungen zu teilen. Ich bin froh, dass die jüngeren Generationen (M, Y, X?) genauso denken und hoffe, dass dies auch so bleibt, dass sie sich nicht vom Leben und Arbeiten überwältigen lassen. Dazu sind Selbsterkenntnis, Selbstführung und Selbstverantwortung nötig, nicht allein Selbst-Organisation. Diese Selbst-Führung ist die eigentliche Herausforderung in unserer entgrenzten Welt: Um sich selbst treu zu sein, muss man sich selbst erstmal kennen. Ein sehr inspirierender lebenslanger Prozess, eine immer währende Entwicklung, die neugierig aufs Leben macht. Wie werde ich wohl mit 80 arbeiten? Welche neuen Tools werden mir in zehn, 20 oder 30 Jahren Leben und Arbeiten erleichtern? Wie werde ich mit anderen einen nachhaltigen Wertbeitrag liefern können?

 

 

Ein Beitrag von Roswitha A. van der Markt

----

Autoreninformation:

Ein Beitrag von Roswitha A. van der Markt, Unternehmensberaterin, Executive Coach, Autorin und Business Speaker mit langjähriger Managementerfahrung in der Industrie wie als geschäftsführender Partner der weltweit führenden Unternehmensberatung Accenture. Als Expertin für Business Transformation, Change Management, Leaderhip und Human Performance betreut sie Mandate in Europa und den USA und ist Wegbegleiter zu einer neuen Leistungskultur.

Seit 1998 arbeitet sie bereits als Digital Nomade, bezeichnet sich selbst als Digital Baby Boomer und kann somit für bestehende Unternehmen die Brücke von einer alten in eine neue Leistungskultur bauen, den Weg bereiten, in der es tatsächliche Work-Life-Integrität gibt. Sie ist die Hälfte des Jahres unterwegs und ansonsten in ihrer Homebase bei München anzutreffen. Was sie bewegt, kannst Du auf ihrem Blog oder bei Twitter mitverfolgen.

Comments (1)

  1. Stéphane Etrillard sagt:

    Besten Dank, Frau van der Markt für diesen tollen Beitrag …

Skip to main content