Digitale Teilhabe: It’s not a bug, it’s a feature


Es ist ein offenes Geheimnis: ich liebe Technik und meinen digitalen Lebensstil. Ich kaufe mir gerne neue Gadgets und probiere neue Apps und Software aus. Deswegen versuche ich diesen Text auch gerade mit einer Sprachsteuerung zu …….. schreiben Punkt Absatz

Okay, das funktioniert noch nicht so richtig, aber trotzdem wollte ich es mal ausprobieren.
Denn das diktieren von Texten ist nicht nur ein schöner Science-Fiction-Traum, sondern auch eine interessante Art der Kommunikation für Menschen, die beispielsweise ihre Hände nicht nutzen können. Bisher kenne ich nur sehr teure Technik oder Software, die noch nicht so richtig funktioniert. Es ist daher immer wieder schön zu sehen, wenn sich größere Software-Unternehmen wie Microsoft solchen Fragen annehmen und damit eine Barriere abbauen, was auch Menschen ohne Behinderungen helfen kann.

Das oben genannt Beispiel, ist eines von vielen, was sich in den letzten Jahren positiv verändert hat. Einheitliche Standards im Web, wie das Alternativtext-Feld in fast jeder Webseiten-Software, beispielsweise WordPress, erleichtern es, die Webseite für Menschen mit Sehbehinderungen zugänglicher zu machen.

Natürlich müssen diese Felder dann auch für eine Bildbeschreibung genutzt werden. Und an dem Punkt beißt die Mouse das Kabel ab: was nützten uns neue Technologie im Netz, zum Abbau von Barrieren, wenn wir nicht wissen, wie wir sie nutzen sollen und wollen?

Raul Krauthausen

Ich glaube an diesem Punkt können wir noch mehr voneinander lernen. Unternehmen wie Microsoft, Apple oder Google arbeiten an schönen Interfaces und den Einbau von Hilfsmitteln, die wir auch gerne nutzen, beispielsweise dass das Smartphone nicht nur klingelt sondern auch blinkt, wenn jemand anruft (zu finden ist diese unter Bedienungshilfen). Denn dieser Abbau von Barrieren, die Vereinfachung eines Interfaces tut niemandem weh. Nutzerinnen und Nutzer ohne Behinderungen müssen die Funktionen, wie eine Spracheingabe nicht nutzen, aber viele andere Menschen sind darauf angewiesen und würden sich freuen, wenn das einfach geht.

Technologie allein hilft noch nicht beim Reisen
Dieser technische Abbau von Barrieren soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es andere Fragen gibt, die mich als Rollstuhlfahrer beschäftigen. Wenn ich zum Beispiel bei Ferienwohnungssuchportalen nach einer Unterkunft für meinen nächsten Urlaub schauen möchte, habe ich nur selten Möglichkeit nur nach rollstuhlgerechten Wohnungen zu suchen. Oder was nützen tolle Services, wie Taxi-Apps, wenn ich da aber keine barrierefreien Taxis bestellen kann?

In solchen Bereichen wünsche ich mir, dass wir nicht nur die Technologie barrierefreier gestalten, sondern auch die Angebote inklusiver denken. Auch hier glaube ich, dass der Aufwand nicht so hoch ist, wenn man ein vielfältiges Angebot nicht nur für den nicht-behinderten Menschen konzeptioniert, sondern für alle Menschen.

Foursquare ist da ein gutes Beispiel: bei dem standortbezogenen sozialen Netzwerk kann man Orte bewerten, ob sie etwa zu laut für ein Date sind, Kreditkartenzahlung akzeptieren oder auch rollstuhlgerecht zugänglich sind. Ich vermute, dass das in der Entwicklung kein großer Aufwand war, weil die Struktur für Fragen schon vorhanden ist, aber der Hinweis auf diese Frage hat wohl gefehlt. Über die Kampagne “MapMyDay” am 3. Dezember 2015 kamen wir mit Foursquare per Twitter ins Gespräch und das hat vielleicht bei dem Einbau der Frage geholfen.

Technologie kann bei der Kommunikation genutzt werden, wenn man sich zuhört
Dieses Beispiel mit Foursquare führt mich zu meinem letzten Punkt, wobei Technologie helfen kann: bei der Kommunikation. Auch in 2016 arbeiten wir weiterhin mit “Unwissenheit” an verschiedenen Stellen. Auch weiterhin werden Entwickler nicht an Barrierfreiheit denken, weil sie vielleicht keine Mitarbeiterinnnen und Kollegen mit Behinderungen haben und auf der anderen Seite müssen Menschen mit Behinderungen vermitteln, was sie brauchen.

Da kann Technologie helfen, aber das soziale Miteinander nicht ersetzen. Offenheit von Produktentwicklern und konstruktive neue Perspektive von Menschen mit Behinderungen könnten dann einen großen Mehrwert bieten. Wenn wir Behinderungen mehr als Feature für die Vereinfachung einer Technik sehen, anstatt als “Bug” eines Menschen, dann lösen wir vielleicht schon bald einige Probleme, die dann allen Menschen helfen.

Vielleicht wird dann auch bald das Problem mit der ……… Spracheingabe an meinem PC gelöst. Punkt. Absatz.

Ein Gastbeitrag von Raul Krauthausen (@raulde)

Raul Krauthausen

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aktivist und Wheelmap.org-Erfinder
Raul Krauthausen liebt Technik und probiert neue Sachen aus. Denn Technologie kann auch Menschen mit Behinderungen helfen, aber sie baut auch nicht alle Barrieren ab.


Comments (1)

  1. atominik sagt:

    Sie sprechen mir aus der Seele – Vielen Dank, Herr Krauthausen!

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