#CoworkingEU: Selbständigkeit statt Stagnation



Tobias Schwarz (
Isarmatrose) und Kati Kremkau (Ostseegoere) wollen in diesem Sommer testen, wie gut es sich im grenzenlosen Europa wirklich arbeiten lässt. Für zwei Monate gehen sie unter dem Hashtag #CoworkingEU und mit Office 365 und dem Surface 3 auf #OutofOffice-Trip und stellen sich der Frage, warum wir eher vom Starbucks am Jungfernstieg oder dem Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz aus arbeiten, anstatt vom Montmarte in Paris einen Tweet abzuschicken, auf dem Markusplatz in Venedig zu bloggen oder im Schatten der Sagrada Familia eine Präsentation zu bauen. Die bisherigen Beiträge gibt es hier und hier.

Letzten Dezember waren wir auf der LeWeb in Paris. In Vorbereitung auf unsere Reise fragten wir französische Journalisten, wie es denn um das Thema Coworking in Frankreich steht und ob das Land eine Reise wert sei. "Coworking ist gerade der Hype in Frankreich!", erklärte uns eine Journalistin. "In jeder Stadt, egal wo in Frankreich, werdet Ihr gleich mehrere Coworking Spaces finden."

Unser Freund Carsten Foertsch analysierte Ende April in einem Artikel für sein Blog deskmag die Suchanfragen in verschiedenen Ländern nach dem Begriff Coworking. Auch diese Betrachtung zeigte, dass Coworking in Frankreich gerade einen Boom erlebt.

Nach fast zwei Wochen in Frankreich, in denen wir in Toulouse, Bordeaux, Nantes und Lyon waren, können wir diese Aussage bestätigen. In all diesen Städten gibt es gleich mehrere Coworking Spaces und die Nachfrage scheint in allen Städten größer als das Angebot zu sein. Doch die Gründe für diesen Trend sind verschieden und nicht alle sind erfreulich.

Frankreichs stagnierende Wirtschaft "fördert" Coworking

Die französische Wirtschaft stagniert seit Monaten aufgrund des schwachen Euro und fallender Energiepreise, dazu kommt eine seit Jahren hohe Arbeitslosigkeit und ein Reformstau in der Politik. Das treibt viele junge Menschen in die Selbstständigkeit, wie zum Beispiel Gaël Hémon, ein studierter Architekt aus Nantes, der zusammen mit ebenfalls Büroräume suchenden Freunden das Coworking Space "La Prairie" startete. Sie nutzten die günstigen Immobilienpreise in Nantes, schafften sich so eigene Räume und öffneten diese dann auch für andere Coworker der Stadt.

Oder das "La Girafe" in Bordeaux, das die Versicherungsmaklerin Sabine Marzat eröffnet hat, da sie dringend ein Büro suchte, aber nicht alleine arbeiten wollte. Deshalb gründete sie ein Coworking Space, um zugleich Teil einer Community zu sein. Mit dem Darwin fanden wir in Bordeaux sogar ein riesen großes Startup-Zentrum vor, dass aufgrund der nicht mehr zu bewältigenden Nachfrage den Coworking-Bereich für einzelnen Coworker einstellen musste. In jeder bis jetzt besuchten Stadt erklärten uns die Betreiber der Coworking Spaces, dass sie inzwischen die Leute wegschicken müssen.


Coworking im großen Stil

Aus der Not wird aus einer Bewegung des neuen Arbeitens ein lukratives Geschäft. La Cantine war das erste Coworking Space in Paris und Frankreichs, inzwischen gibt es gleich mehrere Ableger im ganzen Land, u.a. auch in Toulouse, das wir besuchten. Oder das auch Lyon stammende La Cordée, das in der Stadt bereits vier Coworking Spaces umfasst und auf Wunsch der Mitglieder gezielt in weiteren Städten neue Coworking Spaces eröffnet.


In Frankreich ist Coworking inzwischen mehr als nur Ausdruck einer neuen Form des Arbeitens. In Zeiten, in denen traditionelle Industrie einen Niedergang erleben und unsere auf Dienstleistung getrimmten Wirtschaften nicht mehr genügend Arbeitsplätze für alle anbieten, sind Coworking Spaces mittlerweile Orte, in denen neue Unternehmen und sogar Wirtschaftszweige entstehen.

 

 

 

Ein Gastbeitrag von Katharina Kremkau und Tobias Schwarz
http://www.coworking-and-travel.eu/

- - -

Über die Autoren


Kati, die Ostseegoere, arbeitet als freie Social-Media-Alleskönnerin für ein Berliner eLearning-Startup, eine Umweltpolitikerin und die Kiezsauna, der wohl heißeste Ort Friedrichshains. Sie ist aus Rostock und hat Politikwissenschaft in Berlin studiert. Was sie am Internet wirklich liebt, sind Listen auf Foursquare and Yelp von Orten, an denen sie leckere Delikatessen essen möchte.



Tobias leitet das Online-Magazin Netzpiloten.de, das seit 1998 das Internet erforscht. Davor arbeitete er für Tumblr, McKinsey und die Grünen. Er hat eine “Always On”-Mentalität, aber weiß, worauf es im Leben noch ankommt: ein eiskaltes Bier (er bevorzugt einen Russ) und Freizeit im Grünen mit Kati.

Comments (0)

Skip to main content