Aufwachen: Wirtschaftsspionage betrifft auch deutschen Mittelstand


In vielen mittelständischen Unternehmen herrscht noch die Überzeugung vor, dass es vor allem die großen Konzerne sind, auf die sich die Hacker-Attacken richten. Doch das ist ein gefährlicher Irrtum. Denn tatsächlich sind es mittlerweile gerade die Mittelständler, die berühmten Hidden Champions, auf die es in- und ausländische Konkurrenten, Geheimdienste und Kriminelle abgesehen haben. Das belegen eindrücklich die Zahlen einer neuen Umfrage des IT-Branchenverbands BITKOM.

Demnach waren in den vergangenen zwei Jahren 69 Prozent der deutschen Industrieunternehmen von Datendiebstahl, Wirtschaftsspionage oder Sabotage betroffen. Besonders betroffen war der Maschinen- und Anlagenbau, wo 70 Prozent der Firmen entsprechende Fälle meldeten. Dahinter folgten Chemie und Pharma mit 68 Prozent, die Elektrotechnik mit 65 Prozent und der Fahrzeugbau mit 61 Prozent.

Daten in den falschen Händen

Bei diesen Zahlen muss man allerdings berücksichtigen, dass die Definition der Cyberkriminalität bei dieser Umfrage sehr weit gefasst war und beispielsweise auch den Diebstahl von Smartphones, Computern oder Tablets umfasste. 32 Prozent der Firmen meldeten entsprechende Fälle, das war mit Abstand der größte Posten in dieser Aufstellung. Dabei darf man davon ausgehen, dass viele, wenn nicht sogar die meisten dieser Geräte, gestohlen wurden, um sie zu verkaufen und zu Geld zu machen. Um die enthaltenen Daten geht es den Kriminellen dabei oft gar nicht. Dennoch ist es für die betroffenen Unternehmen natürlich ein nicht hinnehmbares Risiko, dass die gespeicherten Daten auf diesem Weg in die falschen Hände geraten und Geschäftsgeheimnisse an Konkurrenten weitergegeben werden.

Die Untersuchung offenbart aber auch, dass der gezielte Diebstahl von Firmengeheimnissen mittlerweile ein in allen Branchen zu beobachtendes, weit verbreitetes Delikt ist. So gaben 20 Prozent der Unternehmen an, dass bei ihnen geheime Dokumente, Bauteile oder Muster entwendet wurden. Bei 19 Prozent wurden digitale Unterlagen gestohlen, 18 Prozent registrierten Sabotageakte mit dem Ziel, betriebliche Abläufe zu stören oder gar lahmzulegen. In 16 Prozent aller beobachteten Vorfälle wurden Wettbewerber als die Täter identifiziert, in 14 Prozent waren organisierte Banden verantwortlich, immerhin sechs Prozent gingen auf das Konto ausländischer Geheimdienste.

Dunkelziffer nicht zu verachten

Dabei muss man in Rechnung ziehen, dass die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch liegt. Viele Unternehmen fürchten Reputationsverluste und leugnen daher auch gegenüber dem eigenen Branchenverband, jemals Opfer von Cyberkriminalität geworden zu sein beziehungsweise geben auf entsprechende Fragen keine Auskunft. Oftmals dürften entsprechende Angriffe auch gar nicht bemerkt worden sein.

Ob allerdings tatsächlich jedes Unternehmen das Ziel von Hacker-Angriffen ist oder sein wird, wie der ehemalige FBI Director Robert S. Mueller in einer viel zitierten Rede behauptete, bleibt dahingestellt. Doch Tatsache ist, das bestätigen auch frühere Untersuchungen (trotz oft widersprüchlicher Zahlen), dass es eben nicht nur die Großen sind, die sich gegen entsprechende Attacken wappnen müssen. Auch und gerade der deutsche Mittelstand gerät zunehmend ins Visier der internationalen Cyberkriminellen und Geheimdienste.

Gastbeitrag von Michael Kranawetter, National Security Officer (NSO) bei Microsoft in Deutschland. In seinem eigenen Blog veröffentlicht Michael alles Wissenswerte rund um Schwachstellen in Microsoft-Produkten und die veröffentlichten Softwareupdates.

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